Über mich 1

Geboren bin ich am 23. 8. 35 in Hagen/W., wo ich auch die ersten 7 Lebensjahre verbrachte. Ich bin Einzelkind. Dabei habe ich mir so sehnlich ein “Brüderchen” gewünscht. Aber es sollte nicht sein. Dreimal war meine Mutter schwanger, aber alle drei Kinder starben, das erste nach 2 Lebenstagen, das zweite war eine Fehlgeburt, das dritte Kind kam tot zur Welt, die Nabelschnur hatte sich um seinen Hals zusammengezogen. Ich weinte sehr, als ich das erfuhr.

Gisela im Alter von 4 mit Mutter (Ausschnitt)  1939, 4 Jahre alt

Als ich gerade 6 Jahre und eine Woche alt war, kam ich in die Schule und lernte mit wahrer Begeisterung und sehr schnell. Zweimal wurde ich in den beiden folgenden Jahren allein zum Sudetenland kinderlandverschickt, das erste Mal für drei Monate; beim zweiten Mal wurden zwei Jahre daraus. Ich war nacheinander bei zwei verschiedenen Familien untergebracht, dann kam meine Oma mit meinem Vetter Gerd nach, und wir wohnten in einem Zimmerchen bei einem unverheirateten Fräulein.

Im Oktober 1944 erfuhren wir eine furchtbare Nachricht. Meine Mutter war unter eine Straßenbahn geraten und hatte dabei das rechte Bein bis zum Oberschenkel verloren. Nur durch den Zufall, dass ein Arzt vorbeikam, der das Bein abbinden konnte, hat sie überlebt. Sie hat durch die Kriegswirren besonders viel mitgemacht, da das Krankenhaus bombardiert wurde, und war zeitlebens schwer körperbehindert. Sie trug eine Prothese, brauchte aber zusätzlich viel Hilfe und verbrachte die letzten Jahre im Rollstuhl.

Als im April 1945 das 3. Reich zusammenbrach, wurde das Sudetenland von Russen und Tschechen überschwemmt, und wir “Reichsdeutschen” wurden ausgewiesen. In einem Fußtreck von 91 Personen mit kleinen Handwagen mussten wir innerhalb von 2 Tagen das Land verlassen. Wir zogen zu Fuß über das Riesengebirge hinweg bis zur Oder, hatten einige Wochen Aufenthalt in Sachsen und kamen bis Thüringen, wo uns ein fürchterliches Lager aufnahm. Später konnten wir in einem Zimmer eines Gasthofs in der Nähe von Weimar unterkommen. Erst Anfang Dezember 1945 ließ man uns in die Heimat weiterfahren.

Die acht Monate der Flucht waren gekennzeichnet durch Entbehrungen, Kampf ums Überleben und Hunger. Ich könnte ein Buch darüber schreiben, über unbehandelte Erkrankungen, Läusebefall, vergebliches Betteln, Mundraub, verlassene Dörfer, verendetes Vieh auf den Weiden und Verwesungsgeruch, Angst vor den Russen, in einem Nachtgeschirr gekochte Pellkartoffeln, die wir ohne Salz oder sonstige Beilagen aßen. Wir haben alles überlebt, waren aber völlig unterernährt.

12 Jahre alt  12 Jahre alt

Als wir heimkehrten, wohnten meine Eltern nicht mehr in Hagen, sondern waren in ein Dorf im heutigen Bereich Dormagen gezogen, wo meine Großeltern lebten. Dort wohnten wir bis 1954 sehr beengt, anfangs in einem Zimmer, später in zwei Räumen. Nur langsam normalisierten sich die Zeiten. Die ersten Jahre litten wir noch oft Hunger. Ich weiß, dass meine zwei jahre jüngere Cousine, mein kleiner Vetter und ich (wir wohnten alle bei meinen Großeltern) uns einmal unter den Betten um eine trockene Brotkruste gezankt haben! Erst nach der Währungsreform ging es uns allmählich besser.

Obgleich ich nur ein halbes Jahr im 4. Schuljahr gewesen war und während der Flucht so viel wie keinen Unterricht gehabt hatte, kam ich 1946 zum Mädchengymnasium Marienberg nach Neuss, wo ich 1955 das Abitur bestand. Anschließend arbeitete ich ein Jahr lang an der Rhein. Girozentrale und Provinzialbank in Düsseldorf und begann dann mein Studium an der Pädagogischen Akademie in Köln. 1958 legte ich dort mein erstes Staatsexamen ab und nahm kurz darauf meine Junglehrerstelle in Delrath (heute zu Dormagen gehörig) an. An dieser Schule wirkte ich knapp 35 Jahre bis zu meiner vorzeitigen Pensionierung (aus Gesundheitsgründen).

19 Jahre alt  19 Jahre alt

Dazwischen tat sich eine Menge im privaten Bereich. 1954, kurz bevor ich mit meinen Eltern in eine Wohnung nach Delrath zog, lernte ich meinen  späteren Mann kennen - Gottwalt Otto -, der damals gerade angefangen hatte zu studieren. 1959 verlobten wir uns und wollten kurz darauf heiraten.

Aber davon erzählt eine weitere Seite (”Über mich - Erwachsenenjahre”)