Über mich 2
Bevor Gottwalt und ich dazu kamen, unsere Hochzeit fest zu planen, erkrankte er an Polio, schwebte eine Woche lang zwischen Leben und Tod, verbrachte anderthalb Jahre in Kliniken und wurde im Rollstuhl entlassen, - unfähig zu gehen oder auch nur zu stehen. Am selben Tag heirateten wir. Vier Monate lang lebten wir behelfsmäßig in einem Raum, den uns ein Kollege zur Verfügung stellte. Dann zogen wir in eine Dreizimmerwohnung um, bis wir 1969/70 in Nievenheim bauten.
Mein Mann war, als er krank wurde, noch nicht fertig mit dem Studium, er hatte nur sein Vorexamen. Auf Drängen von zwei seiner Professoren nahm er von der Kölner Universitätsklinik aus sein Studium wieder auf - ein Mitstudent fuhr ihn zweimal pro Woche im Rollstuhl zur Uni -, und nach unserer Hochzeit ging das Studium unter unsäglichen Schwierigkeiten von Dormagen aus weiter. Wenn ich darüber genauer schreiben wollte, könnte ich ein ganzes Buch füllen… Lassen wir das. Er bestand 1964 sein Staatsexamen als Philologe, machte seine zwei Referendarjahre in Neuss und Düsseldorf und kam dann als Studienassessor an seine frühere Schule, das Quirinus-Gymnasium in Neuss, wo er später zum Studienrat avancierte. All das war nicht einfach, weil er ja ständig auf den Rollstuhl angewiesen war und fast nirgendwo Auffahrrampen oder Aufzüge vorhanden waren. Meistens wurde er von Schülern getragen! Den Wagen fuhr er selber, der war auf Handbetrieb umgebaut.
Familiär tat sich auch einiges: 1964 kam unser Sohn Burkhard zur Welt, 1666 unsere Tochter Anke. Inzwischen war die Mietwohnung, die wir 1961 bezogen hatten, zu klein geworden: Wir hatten nur ein Kinderzimmer, und meinem Mann fehlte ein Arbeitszimmer. Ich verließ täglich nachmittags mit den Kindern die Wohnung, damit er in Ruhe seine Aufgaben für die Schule erledigen konnte, er hatte ja ständig auch Abiturklassen. Ich selber arbeitete immer erst am Abend, wenn die Kleinen im Bett waren. Angesichts dieser Probleme blieb uns nur eine Lösung: Wir mussten bauen; denn eine erschwingliche Fünf-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss zu finden, das war ziemlich aussichtslos.
1969/70 wurde der Bau errrichtet - in Nievenheim, dem Nachbarort. Inzwischen war ich wieder schwanger. Da geschah im März 1970 das Schrecklichste, was mir passieren konnte: Mein Mann wurde auf der Heimfahrt von einer Reifeprüfungs-Konferenz von einem LKW-Fahrer, der ihm die Vorfahrt nahm, zuschanden gefahren. Er war sofort tot. Gut vier Monate später kam meine jüngste Tochter Frauke zur Welt, die ihren Vater nie kennen lernte.
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Über diese schwerste Zeit meines Lebens möchte ich nicht weiter sprechen. Heute weiß ich selber nicht mehr, wie ich alles geschafft habe, meine drei Kinder großzuziehen, den Schuldienst weiter zu erfüllen und das Haus zu halten. Ich habe viel Kraft gelassen damals. Eine große Hilfe waren mir meine Eltern, die bei mir im Haus wohnten, besonders mein Vater, aber auch meine Putzhilfe, die eigentlich mehr schon eine Haushälterin war. Ich bin ihnen sehr zu Dank verpflichtet.
Knapp sechs Jahre nach Gottwalts Tod habe ich wieder geheiratet. Auch das war nicht so ganz leicht, weil mein zweiter Mann ganz anders gestrickt ist als ich. Er stammt aus der Landwirtschaft, war vorher nicht verheitratet und hat auch keine eigenen Kinder. Ich habe an den Samstagen, wenn ich keinen Unterricht hatte, und in den Ferien bei ihm im Betrieb (Gartenbau und Verkauf) mitgearbeitet, auch noch, nachdem ich vorzeitig 1991 im Schuldienst meinen Abschied genommen hatte. Viele Menschen haben das nicht verstehen können. Aber der Umgang mit den Kunden und die Arbeit mit den Blumen haben mir sehr viel Freude gemacht und bildeten auch ein gutes Gegengewicht zu der psychisch anstrengenden Tätigkeit in der Schule.
Inzwischen sind die Kinder lange schon aus dem Haus und mein Mann und ich im Ruhestand. Wir haben jetzt viel mehr voneinander als früher und genießen diese Zeit. Mein Sohn ist promovierter Elektroingenieur und arbeitet als Zivilist bei der Bundeswehr. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne, die mittlerweile 12 und 9 Jahre alt sind. Die Familie wohnt seit knapp fünf Jahren bei Brüssel, wo Burkhard an einer Nahtstelle zur Nato hin beschäftigt ist.
Meine ältere Tochter, die Arbeits- und Beschäftigungstherapeutin geworden ist, hat einen Engländer geheiratet. Sie hat eine Tochter von 15 und einen Sohn von 12 Jahren und ist weiterhin beruflich tätig. Die Familie wohnt in Milton Keynes in der Grafschaft Buckinghamshire, das liegt zwischen London und Birmingham.
Meine jüngere Tochter ist Arzthelferin geworden, kann aber derzeit nicht arbeiten, weil sie mit ihrer Familie - sie ist auch verheiratet - in der Nähe in einem kleinen Dorf wohnt, wo überhaupt keine Infrastruktur gegeben ist. Sie hat vier Kinder, drei Söhne von 14, 12 und 7 Jahren, und eine knapp vierjährige Tochter und ist ständig mit dem Auto unterwegs, leider.
Mein Leben war zeitweilig sehr schwer. Aber jetzt lässt es sich aushalten. Ich bin dankbar, dass doch alles gut geworden ist.